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Full text of "Ernst Troeltsch 1908 Historisch-kritische Methode"

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Historisch-kritische Methode 

Troeltsch, Ernst: „Über historische und dogmatische Methode in der Theologie“ 
[1908]. In: ders.: Zur religiösen Lage, Religionsphilosophie und Ethik. Gesammelte 
Schriften, Bd. II, Tübingen, Mohr, 1913, S. 729-753. 

Ernst Troeltsch expliziert die methodologischen Grundlagen von Geschichte als 
Wissenschaft. Durfte Leopold von Ranke noch glauben, Geschichtsschreibung könne in 
möglichst großer Objektivität wiedergeben, „wie es eigentlich gewesen“ sei, setzt im 
Ergebnis der Historismus-Debatte, der Debatte um den Historismus und dessen Kritik, die 
methodologische Reflexion ein, da die Fakta nicht mehr in jener Unschuld gesehen werden 
können. Damit wird für die Geschichtswissenschaft nachgeholt, worin Philosophie voraus 
ging: Die Objektivität der Objekte wird problematisch, deren jeweilige Bewertung wird 
diskutabel und mithin expliziter Kriterien bedürftig. 

Ernst Troeltsch stellt eine Trias von Grundprinzipien historisch-kritischer Forschung 
zusammen, deren Akzeptanz in der Wissenschaft jeglichen Dogmatismus ausschließt: 

1. Kritik: De omnibus dubitandum. 

Alle Forschung hebt mit dem methodischen Zweifel an. Infolge der grundsätzlichen 
Unwiederholbarkeit von Geschichte kann es auf historischem Gebiete nur 

Wahrscheinlichkeitsurteile geben. 

Jede Überlieferung ist der Kritik zu unterziehen, ob das im Text Berichtete sich wirklich so 
abgespielt haben kann. Jede Spur, jedes Artefaktum und jeder Text gewinnen erst in der 
Interpretation eine Bewertung. Wer etwas dem methodischen Zweifel entzieht, beraubt 
es jeglicher Glaubwürdigkeit. 

Die historische Methode befragt den Text nach seinem Wahrheitsgehalt und fällt daraufhin 
Wahrscheinlichkeitsurteile (vom geringsten bis zum höchsten Wahrscheinlichkeitsgrad). 

Vor der Kritik ist jeder Text gleich. Behauptungen über einen vermeintlich der Quelle 
innewohnenden Wahrheitsgehalt können nicht anerkannt werden. Absolute Urteile kann die 
historische Methode nicht fällen, weil sie im Unterschiede zur naturwissenschaftlichen 
Analyse die Richtigkeit ihres Schlusses nicht experimentell beweisen kann. 

2. Analogie 

Was für die Naturwissenschaft das Experiment ist, das bedeutet für die historische Methode 
die Analogie: „Die Analogie des vor unseren Augen Geschehenen und in uns sich 
Begebenden ist der Schlüssel zur Kritik“ (S. 732). 

Wenn es in der Geschichte auch niemals eine Wiederholung von schon einmal 
Geschehenem gibt, so setzt dennoch die kritisch-historische Methode die prinzipielle 
Gleichartigkeit allen Geschehens voraus, die zwar „den Unterschieden allen möglichen 
Raum läßt, im übrigen aber jedesmal einen Kern gemeinsamer Gleichartigkeit voraussetzt, 
von dem aus die Unterschiede begriffen und nachgefühlt werden können“ (S. 732). 

Die Gleichartigkeit allen historischen Geschehens bedeutet nicht Gleichheit. Wodurch sich 
ein Geschehen von Vergleichbarem unterscheidet, wird aus Vergleichen gewonnen. 

Wollte man die Gleichartigkeit bestreiten, bestritte man auch die Bedeutung historischen 
Geschehens für uns Heutige. 

3. Korrelation 

Das Korrelationsprinzip besagt die „Wechselwirkung aller Erscheinungen des geistig- 
geschichtlichen Lebens“. Es gibt keinen Punkt innerhalb der Gleichartigkeit allen historischen 
Geschehens, der außerhalb korrelativer Zusammenhänge stände. Daraus ergibt sich die 
Frage: Womit hängt ein Geschehen zusammen? 

Es kann „keine Veränderung an einem Punkte eintreten [...] ohne vorangegangene und 
folgende Änderung an einem anderen, so daß alles Geschehen in einem beständigen 
korrelativen Zusammenhänge steht und notwendig einen Fluß bilden muß, indem Alles und 
Jedes zusammenhängt und jeder Vorgang in Relation zu anderen steht“ (S. 733). 

Jedes historische Geschehen hat eine innergeschichtliche Ursache und ist selbst wieder 
Ursache für neue geschichtliche Ereignisse. 


Oliver. Kloss @ gmx.de ♦ SS 2010 HS Begriff Fortschritt in der Geschichte ♦ Universität Leipzig ♦ Institut für Philosophie